Eine App sorgt für bessere Radwege

Als erste deutsche Region kooperiert Kassel mit der Fitness-Plattform Strava

Kassel - Auf dem Weg zur Arbeit kam Kai Georg Bachmann die Idee, mit der Kassel als Radstadt bundesweit Schlagzeilen machen könnte. Im Sommer fährt der Direktor des Zweckverbands Raum Kassel (ZRK) zweimal in der Woche mit dem Rennrad die 45 Kilometer von seinem Wohnort Trendelburg-Langenthal in sein Büro am Ständeplatz. Er hat dann genug Zeit zum Nachdenken.

Seine Trainingseinheiten zeichnet der 41-Jährige mit der Sport-App Strava auf, die vor allem Radfahrer nutzen, um ihre Ergebnisse mit anderen Athleten zu vergleichen. Könnte man diese Daten nicht dazu verwenden, bessere Radwege zu planen, fragte sich Bachmann. Also nahm er mit dem kalifornischen Konzern Kontakt auf. Nun ist Kassel die erste deutsche Region, mit der Strava kooperiert.

[In der Blog-Übersicht wird hier ein Weiterlesen-Link angezeigt]

Je heller es leuchtet, desto mehr Radfahrer sind unterwegs: Die Heatmap der Sport-Plattform Strava zeigt an, wo rund um die Karlsaue und die Unterneustadt am meisten geradelt wird. © Strava/nh

In den USA, Neuseeland und Skandinavien werten Kommunen schon lange die GPS-Aufzeichnungen der Ausdauersportler aus, um die Verkehrsplanung zu verbessern. In Deutschland ist jetzt ausgerechnet die Region Nordhessen Vorreiter, deren größte Stadt bislang bei Radfahrern so einen guten Ruf hatte wie ein platter Reifen.

Die Pionierrolle hat sie dem ehemaligen Trendelburger Bürgermeister Bachmann zu verdanken, der seit 20 Jahren Rennrad fährt und als Triathlet schon die Ironman-Distanz bewältigt hat. Ebenso lang kann der Weg sein, für eine gute Radinfrastruktur zu sorgen, wenn man bislang vor allem Autos im Blick hatte. Strava, sagt Bachmann, ist dabei eine Hilfe.

Auf sogenannten Heatmaps wird angezeigt, wo die meisten Radfahrer unterwegs sind. Je heller die Linien leuchten, desto mehr ist los. Die Verkehrsplaner des ZRK können nun zum Beispiel sehen, wenn Radler nicht über den für sie ausgewiesenen Feldweg fahren, sondern weiter auf der Hauptstraße - etwa weil die Radroute eine Buckelpiste ist.

Es wird schnell deutlich, wo komfortable Radwege nötig sind - also Strecken mit einem „guten Belag, möglichst direkter Routenführung ohne unnötige Umwege sowie möglichst mit Vorrang für Radler“, wie Bachmann sagt.

15.000 Euro kosten die mehr als 100 000 Datensätze, die den nordhessischen Planern nun für zwei Jahre zur Verfügung stehen. Jeweils ein Drittel bezahlen ZRK, Stadt und Landkreis Kassel. Eine vergleichbare Verkehrszählung und Auswertung wäre um ein Vielfaches teurer, rechnet Bachmann vor.

Künftig könnten noch mehr Daten dazukommen, denn Strava ist längst die wichtigste Fitness-App und wächst immer weiter. Zuletzt stieg die Zahl der Nutzer um 42 Prozent auf 47 Millionen Mitglieder.

Die allermeisten verwenden die App kostenlos per Fitness-Uhr oder Smartphone. Auch Bachmann trainiert weiter mit Strava - derzeit ist es allerdings selbst ihm auf dem Rennrad etwas kühl und ungemütlich. Auf gute Ideen muss er nun auch im Auto kommen.

strava.com